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Die finnische Literatur hat sich auf dem deutschen Büchermarkt
ihren Platz erobert, vielleicht: eine Nische. Aber während
noch Ende der Achtzigerjahre Fachvertreter - Verleger, Autoren,
Übersetzer, Buchhändler und Bibliothekare - auf
einer Tagung in Lübeck überlegten, wie man dieser
Literatur den Weg nach Deutschland ebnen sollte, kann das
deutsche Publikum heute wichtige Bücher aus Finnland
wenig später auch auf deutsch bekommen.
Davon zeugen die aktuellen Zahlen: In den Jahren 2000-2003
sind 42 Romane, 15 Kinder- und Jugendbücher, 16 Anthologien
und Zeitschriften, 9 Schauspiele und 10 Sachbücher auf
deutsch erschienen.
Wer sind die Schriftsteller aus Finnland, die die Schwelle
zu den deutschen Buchhandlungen überschritten haben?
Als finnischer Auflagenkönig aller Zeiten fasziniert
Mika Waltari (1908-1979) die Leser auch in Deutschland bis
heute. Viele kennen sein Buch Sinuhe der Ägypter ohne
zu wissen, dass der Verfasser ein Finne ist. 1948 erstmals
auf deutsch erschienen, wurde es von sieben deutschen, einem
österreichischen und einem Schweizer Verlag in ungezählten
Auflagen wieder und wieder gedruckt. Allein Bastei/Lübbe
verkaufte 300.000 Exemplare von Sinuhe und von den anderen
12 Waltari-Titeln insgesamt 500 000.
Ungewöhnlich erfolgreich war auch die Finnlandschwedin
Tove Jansson (1914-2001). Ihre Mumin-Bücher gehören
hierzulande zu den Klassikern der Kinderliteratur.
Väinö Linna (1920-1992) ist vor allem als Verfasser
von Tuntematon sotilas (1954, deutsch Kreuze in Karelien)
bekannt geworden. In den Helden seines realistischen, keineswegs
kriegsverherrlichenden Romans konnten die Finnen sich selbst
wiedererkennen. Mit 500 000 verkauften Exemplaren ist es das
in Finnland meistgefragte Buch aller Zeiten.
Die Riege der lebenden Autoren wird souverän von Arto
Paasilinna angeführt. Unter den acht übersetzten
schnurrigen, aber zugleich tiefsinnigen Romanen wird jeder
bald sein Lieblingsbuch finden.
Von Leena Landers fünf auf deutsch erschienenen Romanen
bilden drei eine Trilogie über die Geschichte einer Familie
von der Selbständigkeit Finnlands bis in die Neunzigerjahre,
die von den historischen Ereignissen geprägt ist. Landers
Trilogie ist in modernistischer Weise erzählt (1. Teil:
Die Insel der schwarzen Schmetterlinge).
Die Finnlandschwedin Märta Tikkanen ist einem großen
Publikum mit ihren Büchern (z.B. Die Liebesgeschichte
des Jahrhunderts) bekannt geworden, in denen sie sich kritisch
mit Frauenleben auseinandersetzt. - Rosa Liksom, eine Meisterin
der Kurzgeschichte, zeichnet in drei Bänden intensive
Porträts einfacher Menschen. Ihr surrealistischer Roman
Crazeland rechnet mit den beiden Hauptideologien des 20. Jahrhunderts
ab.
Die Entstehung der Nationalstaaten Europas im 11. Jahrhundert,
gesehen mit den Augen einer finnischen Frau, ist Thema der
historischen Romane von Kaari Utrio (Bronzevogel, Sturmfalke).
- Kari Hotakainen lebt erst seit 1996 als hauptberuflicher
Schriftsteller, aber schon drei seiner Bücher sind auf
deutsch erschienen (darunter Buster Keaton - Leben und Werke).
Der internationale Krimiboom hat den deutschen Lesern auch
die Bücher zweier Finnen beschert: Leena Lehtolainen
und Matti Yrjänä Joensuu. - Von besonderem Reiz
für deutsche und hier lebende finnische Leser ist Antti
Tuuris Satire Fünfzehn Meter nach links, in der die deutsche
und die finnische Mentalität aufeinanderprallen, dass
die Funken sprühen.
Weitere Namen ohne Anspruch auf Vollständigkeit: die
Feministin Anja Snellman, die Humoristen Daniel Katz und M.A.
Numminen, die Kinderbuchautorin Liisa Laukkarinen, die Märchenautorin
Anni Swan sowie Annika Idström, Pentti Holappa, Anna-Leena
Härkönen, Marko Leino, Petri Tamminen, Harri Nykänen,
Lars Sund, Ralf Karlsson und Jari Tervo.
Die Frage, warum mehr finnische Literatur erscheint, lässt
sich nicht in einem Satz beantworten. Seit der Tagung in Lübeck
vor anderthalb Jahrzehnten gibt es mehr kompetente Übersetzer,
und sie leisten als Scouts mehr ehrenamtliche Arbeit, um deutsche
Verlage für finnische Bücher zu interessieren. Dabei
werden sie vom Informationszentrums für finnische Literatur
in Helsinki mit Informationsmaterial unterstützt. Auch
die finnischen Verlage haben mehr Eigeninitiative und Werbematerial
entwickelt, um ihre Autoren im Ausland bekannt zu machen.
Und nicht zuletzt gibt es heute hauptberufliche Agenten, die
im Auftrag finnischer Autoren deren Bücher vermarkten.
Auch die größere Offenheit deutscher Verlage für
finnische Literatur hat gewiss mehrere Gründe. Liegt
sie daran, dass das Interesse an Finnland durch seinen EU-Beitritt
1995 generell gewachsen ist? Hat der Erfolg von skandinavischen
Autoren wie Jostein Gaarder aus Norwegen, Henning Manckell
aus Schweden oder Peter Høeg aus Dänemark die
Verleger beflügelt? Haben die teilweise ruinösen
Summen, die die Agenten amerikanischer Erfolgsautoren von
den deutschen Verlegern verlangen, deren Blicke nach Norden
gelenkt? Oder spricht die Qualität der finnischen Literatur
schlicht für sich selbst? All dies bleibt Spekulation.
Tatsache ist, dass neben der finnischen Musik, dem Film und
der Kunst der Sänger und Dirigenten auch die finnische
Literatur in Deutschland angekommen ist.
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