|
Innerhalb der bis jetzt neunteiligen Krimireihe mit Hauptkommissarin
Maria Kallio als Protagonistin ist Zeit zu sterben der siebte
und nach Kuparisydän [dt.:Kupferglanz, 1999] der zweite
Roman, der ins Deutsche übertragen ist. Im Gegensatz
zu allen anderen Bänden taucht Maria Kallio in diesem
Fall allerdings nur am Rande auf.
Die Ich-Erzählerin und diesmalige Hauptfigur ist Säde
Vasara, 35 Jahre alt, ledig und zeitlebens eine graue Maus
gewesen, eine, die es vorzieht, anderen beim Leben zuzusehen.
Sie arbeitet als Therapeutin in dem Helsinkier Frauenhaus
Schutzhafen, das weiblichen Opfern häuslicher
und sonstiger Formen von Gewalt Obdach bietet. Zu den Prinzipien
des Frauenhauses zählt es, nicht zu scheiden, was
Gott zusammengeführt hat, d. h. in Form von Familientherapie
sollen Ehepartner wieder zusammengeführt und die Frauen
nicht zu einer Anzeige ermutigt werden. Als die regelmäßige
Frauenhausbesucherin Irja Ahola allerdings von ihrem Mann
mit einem Schürhaken erschlagen wird, beginnt Säde
an den Richtlinien zu zweifeln, was die ermittelnde Maria
Kallio nur unterstützen kann. Kurz darauf kommt eine
andere Frau zum wiederholten Male mit schweren Mißhandlungen
ins Frauenhaus und Säde handelt: Sie manipuliert den
Rasierapparat des verantwortlichen Ehemannes, so daß
dieser an einem elektrischen Schlag stirbt. Der Fall wird
als Unfall zu den Akten gelegt. Auch den Ehemann des nächsten
Opfers häuslicher Gewalt knüpft sich Säde vor
und findet Gefallen an ihrer neuen Nebentätigkeit. Kompliziert
wird die Situation allerdings, als sich eines ihrer Opfer
zufälligerweise als Bruder ihres Nachbarn, Ex-Häftling
und neuen Bekannten entpuppt, der daraufhin festgenommen wird.
Weniger noch als in Kupferglanz geht es Lehtolainen hier
um kriminalistische Spannung und Tataufklärung, sondern
um das Zustandekommen der Verbrechen. Das sind in diesem Fall
jedoch nicht die Morde Sädes, sondern die Spirale häuslicher
Gewalt, deren Schilderung einen Großteil des Romans
ausmacht. Die ausgesprochene Brutalität der Ehemänner
und die Denkstrukturen der mißhandelten Frauen, die
sich konsequent nicht als Opfer, sondern als Schuldige sehen
wollen, führen zu einem fatalen Mißhandlungskreislauf,
den Säde nur durch ihre eigene Gewaltausübung glaubt
durchbrechen zu können.
Die gewählte Erzählperspektive ist interessant:
Wir erleben Maria Kallio durch die Augen Sädes als eine
immer noch energische und non-konforme joggende Polizistin
mit roten Haaren und nicht standesgemäßer Kleidung,
die allerdings gealtert und mit Ringen unter den Augen in
diesem Fall dem wahren Sachverhalt nicht auf die Spur zu kommen
scheint. Es scheint, als habe Lehtolainen Maria Kallio in
diesem Fall in den Hintergrund treten lassen, um deutlicher
zu einer aktuellen Problematik Stellung nehmen zu können.
Dadurch, daß Kallio die Frage nach den Mördern
erspart bleibt, da es laut Polizeibericht keine gibt, muß
auch nicht über das Ausmaß von Sädes Schuld
entschieden werden. Die Übeltäter bleiben die mißhandelnden
Männer.
Aus Sädes Perspektive liest sich der Krimi streckenweise
wie ein Erbauungsroman für durchsetzungsschwache Frauen.
Säde wechselt bei Kleidung und Vorhängen von beige
auf rot, fängt an, Lippenstift zu benutzen, läßt
sich eine rotgetönte Kurzhaarfrisur verpassen, nimmt
ab, sagt ihren männlichen Kollegen die Meinung und beginnt
erfolgreich, eigene Ideen umzusetzen. Trotzdem gleitet der
Roman weder in eine versifizierte Frauenzeitschriftanleitung
zur weiblichen Selbstbehauptung ab noch in eine oberflächlich
geratene Schilderung einer männermordenden Frau à
la Ingrid Noll. Grund hierfür ist die unerwartet raffinierte
Struktur des Romans. Eine entscheidende Zusatzinformation
gegen Ende rechtfertigt und erklärt im Nachhinein nicht
nur so manchen Wellness-Nachmittag Sädes und ihre radikale
Wandlung, sondern verleiht sowohl dem finnischen als auch
dem Titel der deutschen Übersetzung eine interessante
Doppelbedeutung.
Meike Frese
in: Jahrbuch für finnisch-deutsche
Literaturbeziehungen, hg. Hans Fromm, Maria Liisa Nevala und
Ingrid Schellbach-Kopra, 34/2002, S. 228f.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bibliothek
in Helsinki
|