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Rezensionen und Buchtipps zu Büchern von Leena Lehtolainen

 

Kupferglanz
Alle singen im Chor
 
 
Leena Lehtolainen: Zeit zu sterben (Tappava Säde). Roman. Aus dem Finn. v. Gabriele Schrey-Vasara. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002. 286 S. ISBN 3-499-23100-X
 
 

Innerhalb der bis jetzt neunteiligen Krimireihe mit Hauptkommissarin Maria Kallio als Protagonistin ist Zeit zu sterben der siebte und nach Kuparisydän [dt.:Kupferglanz, 1999] der zweite Roman, der ins Deutsche übertragen ist. Im Gegensatz zu allen anderen Bänden taucht Maria Kallio in diesem Fall allerdings nur am Rande auf.

Die Ich-Erzählerin und diesmalige Hauptfigur ist Säde Vasara, 35 Jahre alt, ledig und zeitlebens eine graue Maus gewesen, eine, die es vorzieht, anderen beim Leben zuzusehen. Sie arbeitet als Therapeutin in dem Helsinkier Frauenhaus „Schutzhafen“, das weiblichen Opfern häuslicher und sonstiger Formen von Gewalt Obdach bietet. Zu den Prinzipien des Frauenhauses zählt es, „nicht zu scheiden, was Gott zusammengeführt hat“, d. h. in Form von Familientherapie sollen Ehepartner wieder zusammengeführt und die Frauen nicht zu einer Anzeige ermutigt werden. Als die regelmäßige Frauenhausbesucherin Irja Ahola allerdings von ihrem Mann mit einem Schürhaken erschlagen wird, beginnt Säde an den Richtlinien zu zweifeln, was die ermittelnde Maria Kallio nur unterstützen kann. Kurz darauf kommt eine andere Frau zum wiederholten Male mit schweren Mißhandlungen ins Frauenhaus und Säde handelt: Sie manipuliert den Rasierapparat des verantwortlichen Ehemannes, so daß dieser an einem elektrischen Schlag stirbt. Der Fall wird als Unfall zu den Akten gelegt. Auch den Ehemann des nächsten Opfers häuslicher Gewalt knüpft sich Säde vor und findet Gefallen an ihrer neuen Nebentätigkeit. Kompliziert wird die Situation allerdings, als sich eines ihrer Opfer zufälligerweise als Bruder ihres Nachbarn, Ex-Häftling und neuen Bekannten entpuppt, der daraufhin festgenommen wird.

Weniger noch als in Kupferglanz geht es Lehtolainen hier um kriminalistische Spannung und Tataufklärung, sondern um das Zustandekommen der Verbrechen. Das sind in diesem Fall jedoch nicht die Morde Sädes, sondern die Spirale häuslicher Gewalt, deren Schilderung einen Großteil des Romans ausmacht. Die ausgesprochene Brutalität der Ehemänner und die Denkstrukturen der mißhandelten Frauen, die sich konsequent nicht als Opfer, sondern als Schuldige sehen wollen, führen zu einem fatalen Mißhandlungskreislauf, den Säde nur durch ihre eigene Gewaltausübung glaubt durchbrechen zu können.

Die gewählte Erzählperspektive ist interessant: Wir erleben Maria Kallio durch die Augen Sädes als eine immer noch energische und non-konforme joggende Polizistin mit roten Haaren und nicht standesgemäßer Kleidung, die allerdings gealtert und mit Ringen unter den Augen in diesem Fall dem wahren Sachverhalt nicht auf die Spur zu kommen scheint. Es scheint, als habe Lehtolainen Maria Kallio in diesem Fall in den Hintergrund treten lassen, um deutlicher zu einer aktuellen Problematik Stellung nehmen zu können. Dadurch, daß Kallio die Frage nach den Mördern erspart bleibt, da es laut Polizeibericht keine gibt, muß auch nicht über das Ausmaß von Sädes Schuld entschieden werden. Die Übeltäter bleiben die mißhandelnden Männer.

Aus Sädes Perspektive liest sich der Krimi streckenweise wie ein Erbauungsroman für durchsetzungsschwache Frauen. Säde wechselt bei Kleidung und Vorhängen von beige auf rot, fängt an, Lippenstift zu benutzen, läßt sich eine rotgetönte Kurzhaarfrisur verpassen, nimmt ab, sagt ihren männlichen Kollegen die Meinung und beginnt erfolgreich, eigene Ideen umzusetzen. Trotzdem gleitet der Roman weder in eine versifizierte Frauenzeitschriftanleitung zur weiblichen Selbstbehauptung ab noch in eine oberflächlich geratene Schilderung einer männermordenden Frau à la Ingrid Noll. Grund hierfür ist die unerwartet raffinierte Struktur des Romans. Eine entscheidende Zusatzinformation gegen Ende rechtfertigt und erklärt im Nachhinein nicht nur so manchen Wellness-Nachmittag Sädes und ihre radikale Wandlung, sondern verleiht sowohl dem finnischen als auch dem Titel der deutschen Übersetzung eine interessante Doppelbedeutung.

Meike Frese

in: Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen, hg. Hans Fromm, Maria Liisa Nevala und Ingrid Schellbach-Kopra, 34/2002, S. 228f.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bibliothek in Helsinki


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