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Rezensionen und Buchtipps zu Büchern von Leena Lehtolainen

 

Kupferglanz
Alle singen im Chor
 
 
Leena Lehtolainen: Kupferglanz (Kuparisydän). Kriminalroman. Aus dem Finn. v. Gabriele Schrey-Vasara. Hamburg : Argument, 1999. 224 S. ISBN 3-88619-848-0
 
 

Auf einem gläsernen Berg ist es bekanntermaßen einsam - soviel lehrt uns schon das klassische Märchen. Hoch auf ihrem luftigen Gipfel sitzt sie, die liebliche Maid, harrend ihres Erlösers, der in ewig weiter Ferne bleibt - scheitern doch alle die vor Tatendrang nur so strotzenden Prinzen unvermeidlich an der Glätte der Glaswand. Als ob solch eine Situation nicht schon vertrackt genug wäre! Wie ungleich komplizierter wird es doch, wenn die Dame (in unserem Falle die Protagonistin eines Kriminalromans) nun aber nicht gewillt ist, sich ihrem Schicksal zu fügen, wenn vielmehr sie selbst die Rolle der heldenhaften Gipfelstürmerin innehaben und eine arme Seele aus ihrer Misere befreien möchte? Schlimmer noch: Wenn sie die Frage, wer denn nun auf dem Gipfel sitzt und wer hier heroisch rettet, schlechterdings nicht mehr beantworten kann?

Maria Kallio, 29 Jahre alt, Juristin und Kriminalhauptmeisterin, fällt die Entscheidung alles andere als leicht, dür die Sommermonate als Vertretung für die Ortspolizeidirektion in ihren Heimatort Arpikylä zurückzukehren. Der Name ("Narbendorf") ist Programm. Man munkelt, er stamme daher, dass niemand dort leben könne, ohne Narben davonzutragen. Dass das Aufreißen alter Wunden nicht ausbleiben wird, ist Maria wohl bewußt, als sie nach zehnjähriger Abwesenheit nun bei ihrer Ankunft zum ersten Mal der drohenden Atmosphäre gewahr wird, die ausgeht von dem alles überwachenden Wahrzeichen der Stadt, dem Turm des ehemaligen Kupferbergwerks. Im selben Maße, wie dieser Turm den Horizont dominiert, ist auch alles Leben in der karelischen Kleinstadt geprägt von den längst vergangenen Tagen des Bergbaus - sei es durch das Motto des um ein zukunftträchtiges Image bemühten Industriestädtchen ("die Stadt mit dem Kupferherz") oder durch den ewigen Kupferglanz, der sowohl der Umgebung als auch den Menschen anhaftet und Maria beim ersten Blich auf die Stadt intuitiv den Blick abwenden läßt.

Wie in den beiden vorhergegangenen Kriminalfällen (Ensimmäinen murhani, 1993; Harmin paikka, 1994), geschieht auch hier das Verbrechen im direkten persönlichen Umfeld der Kommissarin. Nur dass letztere in diesem Fall tatsächlich auf einer Art Glasberg sitzt; die Distanz zu den beteiligten Personen und zur Stadt selbst tritt dadurch zu Tage, dass Maria Kallio trotz aller (auch emotionalen) Involviertheit in die entscheidenden Vorgänge als eine etwas abseits des Geschehens angesiedelte Beobachterin erscheint. Die Trostlosigkeit einer an der Peripherie gelegenen, heruntergewirtschafteten Bergbaustadt, die Monotonie des Lebens und die daraus resultierenden sozialen Schwierigkeiten werden dem Leser präsentiert durch das Prism einer "Heimkehrerin", die die ambivalente Position einnimmt einer zwar durch die gemeinsame Vergangenheit an Land und Leute gebundenen, aber durch die Außenseiterrolle einer Ausgewanderten wiederum zu objektiver Beurteilung befähigten Ich-Erzählerin. Es ist dieser Erzählgestus, der es ermöglicht, dass die Milieustudieweder in reine Vergangenheitsbewältigung noch in schulmeisterliche Gesellschaftskritik abgleitet. Hinzu kommt, dass dieser Aspekt des Krimis dazu beiträgt, die doch recht konventionell gestrickte Handlung zu kompensieren. Ein Freund des kriminalistisch ausgefeilten Spannungsbogens wäre hier sicherlich enttäuscht, denn was in detektivischer Hinsicht passiert, ist allemal mainstream: Eine stadtbekannte Künstlerin stürzt von dem Turm der stillgelegten Kupfermine, wenig später findet man unweit davon ihren Bruder, einen ewig gestigen Laienrockmusiker, ebenfalls ermordet. Bekannte, ehemalige Geliebte, hohe Tiere der Komunalpolitik - alle kommen als Täter in Frage, alle stürzen sie Maria in ein heilloses Hin und Her zwischen Verstand und Gefühl.

Die Kommisarin, von mehr als nur dem Zwiespalt zwischen Freundschaft und Beruf gebeutelt, wird somit das eigentliche Zentrum des Interesses. Inmitten der plätzlich auf sie einstürzenden Konfrontation mit ihrer Vergangenheit und dazu noch an einem Wendepunkt ihres Lebens stehend (ihr momentan in Amerika lebender Freund Antti drängt sie zur Heirat, die 30 nahen bedrohlich, die Eltern äußern den Wunsch nach Nachwuchs, und ihren alten Job hat sie auch veroren), sucht sie einen roten Faden zu erkennen und stellt sich mehr als einmal die Frage nach der Rollenverteilung am bereits erwähnten Glasberg: sich retten lasse oder selber klettern? Sich hingeben oder Haltung bewahren?

Als “erste weibliche Kultfigur der finnischen Krimiszene” lobpreist der der Buchdeckel Maria Kallio. Sicherlich, Leena Lehtolainen hat mit ihr eine lebendige Protagonistin geschaffen, die durchaus Beachtung verdient und allein schon ein Grund ist, den Roman zu lesen. Streckenweise überkam zumindest mich aber der Verdacht, daß hier der “Kultstatus” (ob nun intendiert oder nicht) zu forciert wird. Maria Kallio, eine resolute Frau der Neunziger, ist mit allen erdenkbaren Atrributen einer modernen Powerfrau ausgestattet, was sie teilweise nah an die Grenze zum Klischee bringt: Klein und rothaarig joggt sie allabendlich und macht Bodybuilding, spielte in ihrer Jugend mit Leidenschaft Fußball ( natürlich nur mit Jungen) und später Bass in einer Rockband. Auch ihre Beziehungsprobleme und das Verhältnis zu ihren männlichen Kollegen bewegt sich nah am Stereotypen. Nichtsdestoweniger hat diese Frau Format, was hoffen läßt auf weitere Kriminalfälle — das Potential ist vorhanden. Vertraute man der Eigengesetzlichkeit des Märchens mit seiner verläßlichen Rangfolge Bronze, Silber, Gold, und erinnerte man sich an den Kupferglanz, in den alles Geschehen hier im Roman eingehüllt ist, so darf man von Leena Lehtolainen künftig noch einiges erwarten.

Für den deutschen Leser bleibt nun nur noch zu hoffen, daß in naher Zukunft weitere Werke auf deutsch folgen, die ebenso flüssig übersetzt sind wie der vorliegende Roman.

Meike Frese

in: Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen, hg. Hans Fromm, Maria Liisa Nevala und Ingrid Schellbach-Kopra, 32/2000, S. 316 f.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bibliothek in Helsinki


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