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Auf einem gläsernen Berg ist es bekanntermaßen
einsam - soviel lehrt uns schon das klassische Märchen.
Hoch auf ihrem luftigen Gipfel sitzt sie, die liebliche Maid,
harrend ihres Erlösers, der in ewig weiter Ferne bleibt
- scheitern doch alle die vor Tatendrang nur so strotzenden
Prinzen unvermeidlich an der Glätte der Glaswand. Als
ob solch eine Situation nicht schon vertrackt genug wäre!
Wie ungleich komplizierter wird es doch, wenn die Dame (in
unserem Falle die Protagonistin eines Kriminalromans) nun
aber nicht gewillt ist, sich ihrem Schicksal zu fügen,
wenn vielmehr sie selbst die Rolle der heldenhaften Gipfelstürmerin
innehaben und eine arme Seele aus ihrer Misere befreien möchte?
Schlimmer noch: Wenn sie die Frage, wer denn nun auf dem Gipfel
sitzt und wer hier heroisch rettet, schlechterdings nicht
mehr beantworten kann?
Maria Kallio, 29 Jahre alt, Juristin und Kriminalhauptmeisterin,
fällt die Entscheidung alles andere als leicht, dür
die Sommermonate als Vertretung für die Ortspolizeidirektion
in ihren Heimatort Arpikylä zurückzukehren. Der
Name ("Narbendorf") ist Programm. Man munkelt, er
stamme daher, dass niemand dort leben könne, ohne Narben
davonzutragen. Dass das Aufreißen alter Wunden nicht
ausbleiben wird, ist Maria wohl bewußt, als sie nach
zehnjähriger Abwesenheit nun bei ihrer Ankunft zum ersten
Mal der drohenden Atmosphäre gewahr wird, die ausgeht
von dem alles überwachenden Wahrzeichen der Stadt, dem
Turm des ehemaligen Kupferbergwerks. Im selben Maße,
wie dieser Turm den Horizont dominiert, ist auch alles Leben
in der karelischen Kleinstadt geprägt von den längst
vergangenen Tagen des Bergbaus - sei es durch das Motto des
um ein zukunftträchtiges Image bemühten Industriestädtchen
("die Stadt mit dem Kupferherz") oder durch den
ewigen Kupferglanz, der sowohl der Umgebung als auch den Menschen
anhaftet und Maria beim ersten Blich auf die Stadt intuitiv
den Blick abwenden läßt.
Wie in den beiden vorhergegangenen Kriminalfällen (Ensimmäinen
murhani, 1993; Harmin paikka, 1994), geschieht auch hier das
Verbrechen im direkten persönlichen Umfeld der Kommissarin.
Nur dass letztere in diesem Fall tatsächlich auf einer
Art Glasberg sitzt; die Distanz zu den beteiligten Personen
und zur Stadt selbst tritt dadurch zu Tage, dass Maria Kallio
trotz aller (auch emotionalen) Involviertheit in die entscheidenden
Vorgänge als eine etwas abseits des Geschehens angesiedelte
Beobachterin erscheint. Die Trostlosigkeit einer an der Peripherie
gelegenen, heruntergewirtschafteten Bergbaustadt, die Monotonie
des Lebens und die daraus resultierenden sozialen Schwierigkeiten
werden dem Leser präsentiert durch das Prism einer "Heimkehrerin",
die die ambivalente Position einnimmt einer zwar durch die
gemeinsame Vergangenheit an Land und Leute gebundenen, aber
durch die Außenseiterrolle einer Ausgewanderten wiederum
zu objektiver Beurteilung befähigten Ich-Erzählerin.
Es ist dieser Erzählgestus, der es ermöglicht, dass
die Milieustudieweder in reine Vergangenheitsbewältigung
noch in schulmeisterliche Gesellschaftskritik abgleitet. Hinzu
kommt, dass dieser Aspekt des Krimis dazu beiträgt, die
doch recht konventionell gestrickte Handlung zu kompensieren.
Ein Freund des kriminalistisch ausgefeilten Spannungsbogens
wäre hier sicherlich enttäuscht, denn was in detektivischer
Hinsicht passiert, ist allemal mainstream: Eine stadtbekannte
Künstlerin stürzt von dem Turm der stillgelegten
Kupfermine, wenig später findet man unweit davon ihren
Bruder, einen ewig gestigen Laienrockmusiker, ebenfalls ermordet.
Bekannte, ehemalige Geliebte, hohe Tiere der Komunalpolitik
- alle kommen als Täter in Frage, alle stürzen sie
Maria in ein heilloses Hin und Her zwischen Verstand und Gefühl.
Die Kommisarin, von mehr als nur dem Zwiespalt zwischen
Freundschaft und Beruf gebeutelt, wird somit das eigentliche
Zentrum des Interesses. Inmitten der plätzlich auf sie
einstürzenden Konfrontation mit ihrer Vergangenheit und
dazu noch an einem Wendepunkt ihres Lebens stehend (ihr momentan
in Amerika lebender Freund Antti drängt sie zur Heirat,
die 30 nahen bedrohlich, die Eltern äußern den
Wunsch nach Nachwuchs, und ihren alten Job hat sie auch veroren),
sucht sie einen roten Faden zu erkennen und stellt sich mehr
als einmal die Frage nach der Rollenverteilung am bereits
erwähnten Glasberg: sich retten lasse oder selber klettern?
Sich hingeben oder Haltung bewahren?
Als erste weibliche Kultfigur der finnischen Krimiszene
lobpreist der der Buchdeckel Maria Kallio. Sicherlich, Leena
Lehtolainen hat mit ihr eine lebendige Protagonistin geschaffen,
die durchaus Beachtung verdient und allein schon ein Grund
ist, den Roman zu lesen. Streckenweise überkam zumindest
mich aber der Verdacht, daß hier der Kultstatus
(ob nun intendiert oder nicht) zu forciert wird. Maria Kallio,
eine resolute Frau der Neunziger, ist mit allen erdenkbaren
Atrributen einer modernen Powerfrau ausgestattet, was sie
teilweise nah an die Grenze zum Klischee bringt: Klein und
rothaarig joggt sie allabendlich und macht Bodybuilding, spielte
in ihrer Jugend mit Leidenschaft Fußball ( natürlich
nur mit Jungen) und später Bass in einer Rockband. Auch
ihre Beziehungsprobleme und das Verhältnis zu ihren männlichen
Kollegen bewegt sich nah am Stereotypen. Nichtsdestoweniger
hat diese Frau Format, was hoffen läßt auf weitere
Kriminalfälle das Potential ist vorhanden. Vertraute
man der Eigengesetzlichkeit des Märchens mit seiner verläßlichen
Rangfolge Bronze, Silber, Gold, und erinnerte man sich an
den Kupferglanz, in den alles Geschehen hier im Roman eingehüllt
ist, so darf man von Leena Lehtolainen künftig noch einiges
erwarten.
Für den deutschen Leser bleibt nun nur noch zu hoffen,
daß in naher Zukunft weitere Werke auf deutsch folgen,
die ebenso flüssig übersetzt sind wie der vorliegende
Roman.
Meike Frese
in: Jahrbuch für finnisch-deutsche
Literaturbeziehungen, hg. Hans Fromm, Maria Liisa Nevala und
Ingrid Schellbach-Kopra, 32/2000, S. 316 f.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bibliothek
in Helsinki
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