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Der Roman der Kriminalautorin Leena Lehtolainen beginnt mit
einem Gedicht von Eino Leino, das von Toivo Kuula vertont
wurde. Die Vertonung wird vom Chor eingeübt, wichtiger
ist aber eine andere Funktion des Gedichts: Zeile für
Zeile ist es den einzelnen Kapiteln als Motto vorangestellt.
Im Präludium beginnt die Handlung ganz konventionell
mit dem Fund einer Leiche, der Leser erfährt, daß
sich ein Doppelquartett zu einer Chorfreizeit bzw einem Übungswochenende
im Sommerhaus des Toten versammelt hat, lernt die einzelnen
Mitglieder des Chors, z. T. auch ihre Gedanken und Empfindungen
kennen.
Mit Kapitel Eins findet ein Wechsel der Erzählperspektive
statt, als Ich-Erzählerin fungiert die junge rothaarige
Kriminalhauptmeisterin Maria Kallio. Gleich zu Anfang wird
deutlich, daß sie als Rebellin voller Idealismus auf
die Polizeischule gegangen war, ursprünglich das Ziel
hatte, Opfern wie Tätern zu helfen, die Welt zu verbessern.
Nun hat sie die ersten Erfahrungen hinter sich, der langweilige
Polizistenalltag forderte weder ihr Mitgefühl noch
Gehirn, so besuchte sie Führungskurse und begann
Jura zu studieren. Mittlerweile ist sie 28 Jahre alt und gerade
für sechs Monate vertretungsweise beim Gewaltdezernat
der Helsinkier Kripo. Ihr Vorgesetzter Kinnunen ist Alkoholiker,
manche Kollegen neiden ihr den schnellen Aufstieg und als
Frau muß sie stets ihre Position verteidigen. Dies wird
von ihr ständig hinterfragt, sie beobachtet genau, daß
sie sich mitunter abgebrühter und harscher gibt, als
sie sich fühlt, auch merkt sie, daß sie manchmal
ihren Gefühlen mehr vertrauen sollte.
Als sie nun zu einem Mordfall gerufen wird, ahnt sie gleich,
daß es sich bei dem Opfer und den Verdächtigen
um alte Bekannte handelt, denn Jukka Peltonen, der Tote, war
einst mit Maria Kallios Mitbewohnerin liiert. Für die
Kriminalistin beginnt die Suche nach dem Motiv: Ist der Grund
für die Tat in den Beziehungen der Chormitglieder zu
suchen? Jeder scheint jeden zu verdächtigen. Zunehmend
muß die Polizistin feststellen, daß der beliebte,
hilfsbereite, smarte und beruflich erfolgreiche Jukka mit
seinen zahlreichen Affären nicht nur ein harmloser Lebenskünstler
war. Es stellt sich heraus, daß er sein luxuriöses
Leben nicht nur legal finanziert haben kann. Je weiter die
Kriminalistin (mit ihr der Leser) hinter die Kulissen schaut,
desto mehr Verstrickungen entdeckt sie, und es scheint, als
könnte letztlich jeder im Chor ein Motiv gehabt haben,
denn jeder wurde in irgendeiner Weise von Jukka ausgenutzt
und hintergangen.
Alle singen im Chor, der finnische Titel lautet wörtlich
übersetzt Mein erster Mord, ist der erste
der Kallio-Romane, ein Buch über menschliche Beziehungen
und Dramen innerhalb eines Chors, über Geldprobleme,
Geldgier und Berechnung, über Alkohol- und Drogenkriminalität,
über Prostitution und Affären. Es ist kein schönes
Bild, das da von der Gesellschaft der finnischen Hauptstadt
gezeichnet wird. Auch Maria Kallio fällt es schwer, sich
auf ihre Ideale zu besinnen, der Polizeialltag mit Kollegen,
die einer Frau den Erfolg neiden, mit einem unfähigen
Chef, dessen Alkoholismus heruntergespielt und gedeckt wird,
macht ihr die Arbeit nicht leicht. Hinzu kommt ihre private
Einsamkeit. Ihre Identität ist durch den Beruf geprägt,
der ihr wichtig ist, gleichzeitig aber menschliche Beziehungen
erschwert, weil sie immer in der Rolle der Polizistin wahrgenommen
wird. Eine wichtige Rolle spielt aber auch ihr Privatleben,
über das sie ständig reflektiert. In diesem Buch
ist sie noch Single mit bisher nur gescheiterten Beziehungen.
Sie versucht bewußt, sich von ihrer ostfinnischen Kleinstadtherkunft,
von ihren Eltern und Brüdern und den ständig stichelnden
Schwägerinnen zu distanzieren, zu unterschiedlich sind
die Lebensentwürfe.
Bei den Ermittlungen in ihrem unmitttelbaren Umfeld fühlt
sie sich mitunter befangen, allzu deutlich sind ihr die eigenen
Sympathien und Antipathien, die eigene, auch emotionale Involviertheit
bewußt. Erst spät merkt sie, daß ihre Hoffnung
auf eine Freundin und die Seelenverwandtschaft zur Täterin
sie auf einem Auge hat blind werden lassen. Schmerzlich wird
ihr bewußt, daß man sie benutzt und hintergangen
hat, und so kann sie die Affekthandlung der Täterin,
die sich in einer langjährigen Freundschaft betrogen
fühlte, fast nachempfinden. Als dann die Festnahme in
einem Fiasko endet, muß sie sich fragen, ob sie selbst
etwas hätte ändern können, wenn sie die Verdächtige
früher gefunden oder sich anders verhalten hätte.
Der erste der Kallio-Romane ist ein Rätselkrimi, ein
Detektivroman der konventionellen Art. Am Anfang steht ein
Mord, die Suche nach dem Täter beschäftigt die Gemüter,
Hypothesen werden erstellt, verworfen, Tatbestände kristallisieren
sich allmählich heraus. Der Leser weiß nicht mehr
als die Kriminalistin, er kennt ihre Gedanken, Interpretationen
und Meinungen über die befragten Verdächtigen. Als
sie am Schluß in einer langen Nacht die Hinweise schließlich
richtig kombiniert und sich ein ganz bestimmter Verdacht zur
Gewißheit verhärtet, weiß der Leser jedoch
zunächst nicht, wer der Mörder ist, hat nicht unbedingt
die richtige Deutung und Verknüpfung der Tatbestände
vorweggenommen.
Maria Kallio verkörpert einen neuen Typ Frau. Sie betreibt
Krafttraining, joggt, besucht Kneipen, Beruf und ein eigenes
Einkommen sind für sie eine Selbstverständlichkeit,
dennoch ist sie keineswegs eine militante Feministin. Sie
möchte als Gleichwertige behandelt werden, hält
viel von weiblicher Solidarität, möchte aber ihren
eigenen Weg gehen. Sie weiß, daß ihr eigener Anspruch,
Gefühle zu ignorieren, objektiv zu sein, für sie
unmöglich ist, vor allem wenn Täter und Opfer aus
ihrem Bekanntenkreis stammen.
Der Text ist flüssig übersetzt, die eher traditionelle
Erzählweise paßt zum konventionellen Aufbau der
Handlung. Vor allem im Präludium fällt auf, daß
die Personen sich einer zum Teil sehr rohen Ausdrucksweise
bedienen, die im deutschen Text zwar ebenfalls zum Tragen
kommt, meines Erachtens aber in deutlich abgemildeter Form.
Ärgerlich und überflüssig, wenn auch eine Kleinigkeit,
daß nachlässig lektoriert wurde. So heißt
der Chor mal ILO, mal IOL, mitunter auf einer Textseite. Auch
wenn der deutsche Leser mit finnischen Abkürzungen (Itäisten
osakuntien laulajat) wenig verbinden kann, der nicht konsequent
beibehaltene Name springt ins Auge.
Weitere deutsche Übersetzungen der Kallio-Romane sind
in Arbeit, und dem deutschen Leser wird es gefallen, die Titelheldin
zu begleiten, denn aus Kupferglanz und Zeit zu sterben (in
letzterem Titel ist sie nur eine Randfigur) weiß man,
daß sie nicht nur spannende Fälle löst, sondern
selbst eine Entwicklung durchmacht, als Figur an Tiefe gewinnt.
Kerstin Poschmann
in: Jahrbuch für finnisch-deutsche
Literaturbeziehungen, hg. Hans Fromm, Maria Liisa Nevala und
Ingrid Schellbach-Kopra, 34/2002, S. 227f.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bibliothek
in Helsinki
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