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Rezensionen und Buchtipps zu Büchern von Leena Lehtolainen

 

Kupferglanz
Alle singen im Chor
 
 
Leena Lehtolainen: Alle singen im Chor (Ensimmäinen murhani). Roman. Aus dem Finn. v. Gabriele Schrey-Vasara. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002. 240 S. ISBN 3-499-23090-9
 
 

Der Roman der Kriminalautorin Leena Lehtolainen beginnt mit einem Gedicht von Eino Leino, das von Toivo Kuula vertont wurde. Die Vertonung wird vom Chor eingeübt, wichtiger ist aber eine andere Funktion des Gedichts: Zeile für Zeile ist es den einzelnen Kapiteln als Motto vorangestellt.

Im Präludium beginnt die Handlung ganz konventionell mit dem Fund einer Leiche, der Leser erfährt, daß sich ein Doppelquartett zu einer Chorfreizeit bzw einem Übungswochenende im Sommerhaus des Toten versammelt hat, lernt die einzelnen Mitglieder des Chors, z. T. auch ihre Gedanken und Empfindungen kennen.

Mit Kapitel Eins findet ein Wechsel der Erzählperspektive statt, als Ich-Erzählerin fungiert die junge rothaarige Kriminalhauptmeisterin Maria Kallio. Gleich zu Anfang wird deutlich, daß sie als Rebellin voller Idealismus auf die Polizeischule gegangen war, ursprünglich das Ziel hatte, Opfern wie Tätern zu helfen, die Welt zu verbessern. Nun hat sie die ersten Erfahrungen hinter sich, der langweilige Polizistenalltag forderte weder ihr „Mitgefühl noch Gehirn“, so besuchte sie Führungskurse und begann Jura zu studieren. Mittlerweile ist sie 28 Jahre alt und gerade für sechs Monate vertretungsweise beim Gewaltdezernat der Helsinkier Kripo. Ihr Vorgesetzter Kinnunen ist Alkoholiker, manche Kollegen neiden ihr den schnellen Aufstieg und als Frau muß sie stets ihre Position verteidigen. Dies wird von ihr ständig hinterfragt, sie beobachtet genau, daß sie sich mitunter abgebrühter und harscher gibt, als sie sich fühlt, auch merkt sie, daß sie manchmal ihren Gefühlen mehr vertrauen sollte.

Als sie nun zu einem Mordfall gerufen wird, ahnt sie gleich, daß es sich bei dem Opfer und den Verdächtigen um alte Bekannte handelt, denn Jukka Peltonen, der Tote, war einst mit Maria Kallios Mitbewohnerin liiert. Für die Kriminalistin beginnt die Suche nach dem Motiv: Ist der Grund für die Tat in den Beziehungen der Chormitglieder zu suchen? Jeder scheint jeden zu verdächtigen. Zunehmend muß die Polizistin feststellen, daß der beliebte, hilfsbereite, smarte und beruflich erfolgreiche Jukka mit seinen zahlreichen Affären nicht nur ein harmloser Lebenskünstler war. Es stellt sich heraus, daß er sein luxuriöses Leben nicht nur legal finanziert haben kann. Je weiter die Kriminalistin (mit ihr der Leser) hinter die Kulissen schaut, desto mehr Verstrickungen entdeckt sie, und es scheint, als könnte letztlich jeder im Chor ein Motiv gehabt haben, denn jeder wurde in irgendeiner Weise von Jukka ausgenutzt und hintergangen.

Alle singen im Chor, der finnische Titel lautet wörtlich übersetzt „Mein erster Mord“, ist der erste der Kallio-Romane, ein Buch über menschliche Beziehungen und Dramen innerhalb eines Chors, über Geldprobleme, Geldgier und Berechnung, über Alkohol- und Drogenkriminalität, über Prostitution und Affären. Es ist kein schönes Bild, das da von der Gesellschaft der finnischen Hauptstadt gezeichnet wird. Auch Maria Kallio fällt es schwer, sich auf ihre Ideale zu besinnen, der Polizeialltag mit Kollegen, die einer Frau den Erfolg neiden, mit einem unfähigen Chef, dessen Alkoholismus heruntergespielt und gedeckt wird, macht ihr die Arbeit nicht leicht. Hinzu kommt ihre private Einsamkeit. Ihre Identität ist durch den Beruf geprägt, der ihr wichtig ist, gleichzeitig aber menschliche Beziehungen erschwert, weil sie immer in der Rolle der Polizistin wahrgenommen wird. Eine wichtige Rolle spielt aber auch ihr Privatleben, über das sie ständig reflektiert. In diesem Buch ist sie noch Single mit bisher nur gescheiterten Beziehungen. Sie versucht bewußt, sich von ihrer ostfinnischen Kleinstadtherkunft, von ihren Eltern und Brüdern und den ständig stichelnden Schwägerinnen zu distanzieren, zu unterschiedlich sind die Lebensentwürfe.

Bei den Ermittlungen in ihrem unmitttelbaren Umfeld fühlt sie sich mitunter befangen, allzu deutlich sind ihr die eigenen Sympathien und Antipathien, die eigene, auch emotionale Involviertheit bewußt. Erst spät merkt sie, daß ihre Hoffnung auf eine Freundin und die Seelenverwandtschaft zur Täterin sie auf einem Auge hat blind werden lassen. Schmerzlich wird ihr bewußt, daß man sie benutzt und hintergangen hat, und so kann sie die Affekthandlung der Täterin, die sich in einer langjährigen Freundschaft betrogen fühlte, fast nachempfinden. Als dann die Festnahme in einem Fiasko endet, muß sie sich fragen, ob sie selbst etwas hätte ändern können, wenn sie die Verdächtige früher gefunden oder sich anders verhalten hätte.

Der erste der Kallio-Romane ist ein Rätselkrimi, ein Detektivroman der konventionellen Art. Am Anfang steht ein Mord, die Suche nach dem Täter beschäftigt die Gemüter, Hypothesen werden erstellt, verworfen, Tatbestände kristallisieren sich allmählich heraus. Der Leser weiß nicht mehr als die Kriminalistin, er kennt ihre Gedanken, Interpretationen und Meinungen über die befragten Verdächtigen. Als sie am Schluß in einer langen Nacht die Hinweise schließlich richtig kombiniert und sich ein ganz bestimmter Verdacht zur Gewißheit verhärtet, weiß der Leser jedoch zunächst nicht, wer der Mörder ist, hat nicht unbedingt die richtige Deutung und Verknüpfung der Tatbestände vorweggenommen.

Maria Kallio verkörpert einen neuen Typ Frau. Sie betreibt Krafttraining, joggt, besucht Kneipen, Beruf und ein eigenes Einkommen sind für sie eine Selbstverständlichkeit, dennoch ist sie keineswegs eine militante Feministin. Sie möchte als Gleichwertige behandelt werden, hält viel von weiblicher Solidarität, möchte aber ihren eigenen Weg gehen. Sie weiß, daß ihr eigener Anspruch, Gefühle zu ignorieren, objektiv zu sein, für sie unmöglich ist, vor allem wenn Täter und Opfer aus ihrem Bekanntenkreis stammen.

Der Text ist flüssig übersetzt, die eher traditionelle Erzählweise paßt zum konventionellen Aufbau der Handlung. Vor allem im Präludium fällt auf, daß die Personen sich einer zum Teil sehr rohen Ausdrucksweise bedienen, die im deutschen Text zwar ebenfalls zum Tragen kommt, meines Erachtens aber in deutlich abgemildeter Form. Ärgerlich und überflüssig, wenn auch eine Kleinigkeit, daß nachlässig lektoriert wurde. So heißt der Chor mal ILO, mal IOL, mitunter auf einer Textseite. Auch wenn der deutsche Leser mit finnischen Abkürzungen (Itäisten osakuntien laulajat) wenig verbinden kann, der nicht konsequent beibehaltene Name springt ins Auge.

Weitere deutsche Übersetzungen der Kallio-Romane sind in Arbeit, und dem deutschen Leser wird es gefallen, die Titelheldin zu begleiten, denn aus Kupferglanz und Zeit zu sterben (in letzterem Titel ist sie nur eine Randfigur) weiß man, daß sie nicht nur spannende Fälle löst, sondern selbst eine Entwicklung durchmacht, als Figur an Tiefe gewinnt.

Kerstin Poschmann

in: Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen, hg. Hans Fromm, Maria Liisa Nevala und Ingrid Schellbach-Kopra, 34/2002, S. 227f.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bibliothek in Helsinki


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