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Flucht aus der Wirklichkeit
Bei Eiskunstlaufmeisterschaften suche ich
Verzauberung und große Gefühle.
Für ein Muttertier wie mich ist es
nicht leicht, Urlaub zu machen. Die Weihnachtsferien zum Beispiel
sind ein Paradox, gerade in dieser Zeit heißt es kochen,
Geschenke einpacken, putzen. Die Wäsche muss gewaschen
werden, Einkäufe sind zu erledigen, und im Sommerurlaub
geht es genauso zu. Das Handy klingelt und die Mailbox quillt
über, denn von Freelancern wird erwartet, dass sie jederzeit
erreichbar sind.
Zu Hause Urlaub machen ist ein Ding der Unmöglichkeit,
umso mehr, wenn sich auch das Arbeitszimmer im Haus befindet.
Zum Glück habe ich vor einigen Jahren die Lösung
für mein Urlaubsproblem gefunden: Ich mache Eiskunstlaufferien.
Sicher halten die meisten ein kaltes Eisstadion nicht für
das reizvollste Urlaubsziel der Welt. Ich schon. Jemand anders
putzt mein Hotelzimmer und deckt den Frühstückstisch.
Mir werden täglich zehn, zwölf Stunden Unterhaltung
geboten, ich kann die Darbietungen der besten Eiskunstläufer
Europas oder sogar der ganzen Welt genießen. Das ist
wahrer Urlaub!
Ende Januar habe ich einen solchen Urlaub
in Schweden verbracht, in Malmö, wo die Europameisterschaft
stattfand. Finnland war mit einer außergewöhnlich
großen Mannschaft vertreten: drei Läuferinnen bei
den Damen, ein Vertreter bei den Männern und ein Eistanzpaar.
Man hätte durchaus auch unser einziges Eiskunstlaufpaar
hinschicken können, es ist nicht schlechter als die Vertreter
manch eines anderen europäischen Landes. Überhaupt
scheint der europäische Paarlauf an Blutarmut zu leiden,
offenbar wird er nur in Russland mit vollem Einsatz betrieben.
Meine Favoriten bei dieser EM waren die Franzosen Sarah Abitbol
und Stephane Bernadis, die die Silbermedaille gewannen; sie
zeigten in ihrer Kür mehr Persönlichkeit und Freude
am Auftreten als die russischen Paare, die mit Gold und Bronze
ausgezeichnet wurden.
Ganz allgemein dominiert Russland in den letzten Jahren im
europäischen Eiskunstlauf. In diesem Jahr rechnete man
damit, dass die Ukrainerinnen und Finninnen den Russinnen
ernsthaft Konkurrenz machen würden. Alle finnischen Läuferinnen
platzierten sich hervorragend unter den ersten zehn, und alle
Finnen wurden die ganze Woche über gefragt, wie es möglich
ist, dass Finnland so viele talentierte Frauen hat. Leider
hatte Alisa Drei Pech bei der Auslosung der Qualifikationsgruppe,
denn ihre Leistungen bei dieser Europameisterschaft waren
medaillenreif. Auch Elina Kettunen und Susanna Pöykiö
haben ständig neue Fans gewonnen.
Im Eistanz kann man die Medaillengewinner
oft vorhersagen; er gilt als korrupteste Disziplin des Eissports.
Auch diesmal mochte kaum jemand darauf wetten, dass die Goldmedaille
einem anderen Paar zufallen könnte als den russischen
Weltmeistern und Olympiazweiten Lobacheva - Aberbukh. Bei
den anderen Medaillenrängen war der Ausgang schwieriger
zu prophezeien, und es gab zum Glück Überraschungen.
Meine langjährigen Favoriten, das in Finnland durch die
Finlandia Trophy bekannte bulgarische Paar Albena Denkova
- Maxim Stavijski brachte seinem Land die erste Eiskunstlaufmedaille
aller Zeiten, eine silberne. Das israelische Paar, das im
letzten Jahr bei der WM Bronze gewann, erreichte diesmal nur
den sechsten Platz.
Beim Eistanz sind die Männer im Allgemeinen Erwachsene,
deshalb kann ich es wagen, sie zu bewundern, ohne mich als
schmierige alte Tante zu fühlen. Bei vielen Einzelläufern
ist das anders - sie könnten meine Söhne sein. Unglaublich,
dass der Russe Jevgeni Plushenko erst zwanzig ist; er hat
ja bereits die Europa- und Weltmeisterschaft, zahlreiche Medaillen
und olympisches Silber gewonnen. Auch bei dieser EM war Plushenko
der Favorit, sein Sieg kam nicht überraschend. Mir persönlich
gefielen einige andere Läufer besser, etwa die beiden
französischen Medaillengewinner und der fantastische
Schweizer Stephane Lambiel - der Pirouettenvirtuose entwickelt
sich allmählich auch zum Sprungwunder.
Ich fahre zu den Wettkämpfen, um mich verzaubern zu lassen
und Gefühlsaufwallungen zu erleben. Diesmal kamen mir
viermal die Tränen: als Alisa Drei ihr Qualifikationsprogramm
lief, als sich das bulgarische Paar die Silbermedaille sicherte
und bei der Kür der Männer, als der Franzose Stanick
Jeannette den Kleinen Prinzen darstellte. Vielleicht war meine
Rührung diesmal vor allem auf die Assoziationen zu meinem
Buch zurückzuführen. Beim Schaulaufen kam das Taschentuch
mehrmals zum Einsatz, und auf dem Rückflug begann ich
bereits, den nächsten Eiskunstlaufurlaub zu planen.
Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara
Aus: Me Naiset vom 6.2.2003
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