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Das Land der Gesprächigen
Was der Bestsellerautorin Leena Lehtolainen
zu ihren Mitmenschen einfällt
Ein proppevoller Bus im Zentrum von Helsinki.
Es ist November, nass und dunkel. Fast jeder im Bus spricht:
über Berufliches, Sportergebnisse, die Scheidung der
Schwester, die Dummheit des Lehrers. Reden die Fahrgäste
miteinander? Keineswegs: Die Finnen sprechen in ihr Mobiltelefon,
das sie liebevoll kännykkä (Handy) nennen. Wer nicht
redet, tippt an einer SMS. Für den Banknachbarn hat man
keinen Blick übrig, es sei denn, sein Klingelton fällt
besonders auf.
Der Mythos von den schweigsamen Finnen
kam um die Mitte der 1990er Jahre ins Wanken. Der Kauf eines
Nokia-Handys wurde damals zum nationalen Projekt mit dem Ziel,
das Land aus der schweren Rezession zu führen, die es
Anfang des Jahrzehnts getroffen hatte. Das Firmenmotto Nokia
connecting people entspricht zwar der Wahrheit, hat
aber auch seine Kehrseite. Immer mehr finnische Jugendliche
geraten durch unbezahlte Telefonrechnungen in die Schuldenspirale.
Um die Jahrtausendwende sind die Gebühren rasant gestiegen,
und viele Schüler schuften abends in Hamburger-Restaurants,
um per Telefon Kontakt zu ihren Freunden halten zu können.
Der soziale Status definiert sich über die Zahl der auf
dem Handy gespeicherten Nummern und der eintreffenden SMS.
Man erzählt sich urbane Legenden von Menschen, die auf
der Straße so tun, als sprächen sie in ihr Handy,
um ja nicht für Loser gehalten zu werden.
Ist es ein Verdienst des Handys, dass die
finnischen Schüler beim Pisa-Test so gut abgeschnitten
haben? Im internationalen Vergleich werden finnische Kinder
spät eingeschult: Die Schulpflicht beginnt in dem Jahr,
in dem das Kind sieben wird. Die Vorschule für Sechsjährige
ist derzeit noch fakultativ. Die meisten finnischen Kinder
werden jedoch schon als Einjährige der kommunalen oder
privaten Tagesbetreuung anvertraut. Das Wohlbefinden vieler
Kinder und Jugendlicher leidet darunter, dass ihre Eltern
zwölf Stunden am Tag arbeiten und das Handy als Babysitter
einsetzen.
Keine soziale Mobilität
Im Prinzip sind die Bildungschancen für
alle gleich: Der Besuch der Gesamtschule, der gymnasialen
Oberstufe, der Universitäten und der meisten Berufsschulen
ist kostenlos. Trotzdem bestimmt der Bildungsstand der Eltern
in Finnland heute weitgehend auch den der Kinder. Die soziale
Mobilität, die in den 50er und 60er Jahren begonnen hatte,
ist zum Stillstand gekommen.
Der Anteil der berufstätigen Frauen
ist hoch: 95 Prozent der 25- bis 50jährigen Finninnen
arbeiten außer Haus. Dennoch beträgt das Durchschnittseinkommen
der Frauen nur 80 Prozent von dem der Männer. Zum Glück
haben die finnischen Frauen ein gutes Rollenmodell: die Staatspräsidentin
Tarja Halonen. Im Jahr 2000 wählten die Finnen und Finninnen
in das höchste Staatsamt eine zum linken Flügel
der Sozialdemokraten zählende, nicht der Kirche angehörende
alleinstehende Mutter, die in wilder Ehe lebte und Vorsitzende
eines Vereins für sexuelle Gleichberechtigung gewesen
war. Mittlerweile ist Halonen verheiratet und populärer
als ihr Amtsvorgänger, sie ist unsere Tarja,
und so mancher Gegner hat ihre Kompetenz anerkennen müssen.
Man behauptete, die Präsidentenwahl
habe das Volk gespalten, in Stadt und Land. Tatsächlich
gibt es eine Abwanderung aus dem Norden und Osten des Landes
in die Hauptstadtregion und einige andere Wachstumszentren,
die aber kaum auf das Wahlergebnis zurückzuführen
sein dürfte. Sie hat ihren Grund eher in der Tendenz
einiger Großunternehmen, ihre Ressourcen in bestimmten
Städten wie Helsinki, Espoo und Oulu zu konzentrieren,
wo sie auch die Kommunalpolitik beeinflussen können.
Kari Häkämies, Staatssekretär im Innenministerium,
erregte im Herbst Aufsehen mit der Erklärung, man könne
es sich nicht leisten, die Besiedlung des ganzen Landes aufrecht
zu erhalten.
In letzter Zeit wurde viel über die
staatlichen Ausgleichszahlungen an die Kommunen diskutiert,
da das reiche Espoo kein Geld für Schulbauten mehr hat
und Helsinki nicht mehr in der Lage ist, eine ausreichende
Krankenpflege zu finanzieren. In allen Bereichen muss priorisiert
werden. Obwohl die Einkommensunterschiede in Finnland, verglichen
zum Beispiel mit Russland oder den USA, gering sind und durch
den hohen Steuersatz weiter nivelliert werden, wächst
die Kluft zwischen den Bessergestellten und denen, die bei
den Wohlfahrtsorganisationen für ihre tägliche Nahrung
anstehen müssen. Für viele Landwirte war der Beitritt
zur Europäischen Union ein harter Schlag; die Auseinandersetzung
mit der Bürokratie und das Ausfüllen von Formularen
sind zeitraubend. Während noch vor einigen Jahrzehnten
in Finnland kleine Höfe vorherrschten, sind heute nur
noch Riesengüter profitabel.
Ein sicheres Land
Manche meinen, die Rettung der finnischen
Landwirtschaft liege im ökologischen Anbau, denn finnische
Lebensmittel sind sauber und von hoher Qualität. Seit
Jahren führen fast alle politischen Parteien die nachhaltige
Entwicklung in ihrem Programm. Umso merkwürdiger erscheint
der im letzten Frühjahr gefallene Beschluss des Parlaments,
den Bau des fünften Kernkraftwerks zu genehmigen. Die
finnische Industrie ist an billigen Strom gewöhnt und
will nicht vom Energieimport aus Russland abhängig sein,
da Kosten und Verfügbarkeit unkalkulierbar sind.
In Finnland herrscht Sicherheit. Noch heute
werden auf dem Land selbst in der Nacht die Türen nicht
abgeschlossen, und Terrorakte wie der Bombenanschlag in Myyrmäki
sind Einzelfälle, auf die das ganze Land mit Trauer reagiert.
Die Finnen sind erfolgreich im Motorsport.
Einen Führerschein braucht man, denn auf dem Land und
in Lappland sind die Entfernungen groß, und mit öffentlichen
Verkehrsmitteln kommt man nicht überall hin. Mika, Kim
und Marcus sind Vorbilder für viele junge Männer,
deren Wettrasen auch Unbeteiligte das Leben kosten kann. Bei
Rot über die Straße zu fahren und am Zebrastreifen
nicht anzuhalten, ist Landessitte. Da zudem die hohe Kfz-Steuer
dafür sorgt, dass der Fahrzeugbestand, verglichen mit
anderen europäischen Ländern, recht alt ist, haben
es die Verkehrssicherheitsexperten nicht leicht. Verkehrsstaus
gibt es nur im Großraum Helsinki, und auch dort entstehen
sie nur, weil die Finnen es nicht fertig bringen, Fahrgemeinschaften
zu bilden. Der typische Stauhocker ist männlichen Geschlechts,
sitzt allein in seinem Pkw und spricht am Handy.
Als Finnland 1917 unabhängig wurde,
war die nationale Kultur wichtig für die Stärkung
der Identität; heute spiegeln wir mit ihrer Hilfe unser
Verhältnis zum Rest der Welt. Die Filme von Aki Kaurismäki,
der auf dem Festival von Cannes mit dem Grand Prix ausgezeichnet
wurde, präsentieren den Typus des schweigsamen Finnen,
der die Mitteleuropäer fasziniert. Das erfolgreichste
Produkt im Kulturexport sind jedoch finnische Musiker, Komponisten,
Dirigenten und Opernsänger. Wir sind stolz auf jede Sibelius-Platte,
die Ausländer einspielen, denken aber insgeheim, dass
nur Finnen Sibelius' Musik richtig interpretieren können.
Dass die finnische Rockmusik im Begriff stehe, die Welt zu
erobern, wird alle fünf Jahre verkündet, und es
ist tatsächlich ein erhebendes Gefühl, Aufnahmen
von Bomfunk MC und HIM im Ausland in Plattenläden zu
entdecken.
Überhaupt wird jeder Finne, von dem
man im Ausland irgendwie Notiz nimmt, sofort ein besserer
Mensch. Das kann man zum Beispiel im Bereich der Literatur
beobachten. Das größte Problem für die finnische
Literatur ist natürlich die Sprache: eine wunderbar reiche
Sprache, voller Synonyme und für Ausländer fast
unlernbar. Finnisch wird von rund fünf Millionen Menschen
gesprochen. Deshalb hat sich unsere Literatur ihre Unschuld
bewahrt: Man kann vom Schreiben nicht reich werden. Was die
Autoren motiviert, ist nach wie vor das Bedürfnis, eine
Geschichte zu erzählen oder etwas so auszudrücken,
wie es vor ihnen niemand getan hat. Die finnische Literatur
ist oft langsam, zaudernd und düster, Humor pflegt in
Ironie umzuschlagen, und ein glückliches Ende gibt es
nur in der Unterhaltungsliteratur. Man hört ständig
besorgte Äußerungen über die Stellung der
finnischen Literatur, doch solange kleine Abgeordnete, Sportler
und Schönheitsköniginnen ihre Memoiren veröffentlichen
und sich als Schriftsteller titulieren wollen, hat mein Berufsstand
immerhin noch einen gewissen Status.
In Finnland wird nicht nur Finnisch gesprochen:
Schwedisch ist die offizielle zweite Landessprache. Vor allem
in der Hauptstadtregion hört man auch Russisch, Estnisch,
Somalisch, Vietnamesisch und Englisch. Jeder Finne lernt in
der Schule die zweite Landessprache, obgleich von Zeit zu
Zeit heftig über die Abschaffung des Zwangsschwedischen
diskutiert wird. Jedenfalls können wir Finnen auf unsere
Sprachkenntnisse stolz sein, denn jeder spricht wenigstens
zwei Fremdsprachen zumindest theoretisch. Die jungen
Leute in den Städten sprechen hervorragend Englisch,
während Deutschkenntnisse heute weniger verbreitet sind.
Sauna in Etagenwohnung
Und die Sauna?, fragen Sie.
Warum steht in diesem Beitrag gar nichts über die Sauna
und über jene andere Sache, für die die Finnen berüchtigt
sind: übermäßiger Alkoholkonsum? Natürlich
lieben die Finnen ihre Sauna. Viele saunen sogar täglich.
Manche sind derart saunaverrückt, dass sie in ihre Etagenwohnung
einen stromgeheizten Verschlag von zwei Quadratmetern einbauen
lassen so etwas Sauna zu nennen, ist ein Sakrileg!
Eine echte Sauna wird mit Holz geheizt und steht am Wasser.
Die Finnen sind mittlerweile so privatisiert, dass die alten
öffentlichen Saunen in den Städten praktisch verschwunden
sind, nur in Schwimmhallen gibt es sie noch.
1994 beschloss Finnland, der Europäischen
Union beizutreten. Manche Befürworter des Beitritts glaubten,
die Alkoholpreise würden nun auf mitteleuropäisches
Niveau sinken. Andere hofften, in der EU würden die Finnen
sich mitteleuropäische Trinksitten aneignen, sprich:
Ein Glas Wein zum Essen. Nun, das haben wir gelernt, aber
unsere slawischen Trinksitten haben wir trotzdem beibehalten:
freitags wird gesoffen, was das Zeug hält, und samstags
nach der Sauna gleich nochmal. Wir Finnen sind ein seltsames
Volk: Wir reden nur per Handy, wir akzeptieren ausländische
Speisen und Getränke, begegnen fremden Menschen aber
mit Misstrauen, und am wichtigsten ist uns, was die Ausländer
von uns halten. Wenn sie uns ein wenig loben, lohnen wir es
ihnen mit lebenslanger Freundschaft.
Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara
Aus: Der
Tagesspiegel vom 03.11.2002
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